Die berühmten 1.000 Worte und das Bild
Jul 16th, 2009 | By Stefan Hartmann | Category: FEATURED NEWS, NEWSMit Antje Dankwerth, adbyword, sprach Stefan Hartmann über Keywording
Was ein Bild wirklich sagt, weiss derjenige, der es verschlagwortet! Aber die oft zitierten 1.000 Worte pro Bild sind beim professionellen Keywording wohl kaum erlaubt.
Pictorial: Frau Dankwerth, wenn ein Bilder angeblich mehr als 1.000 Worte sagt, in wie vielen Worten – nehmen wir den Umkehrschluss – haben Sie das Wichtigste über ein durchschnittliches Bild gesagt?
Antje Dankwerth: Um ein Bild richtig zu verschlagworten, muss man mehrere Kriterien beachten. Vor allem die klassischen W-Fragen, die Sie sicherlich auch für Ihre journalistische Tätigkeit nutzen: Wann wurde das Bild gemacht; Wer ist darauf zu sehen; Welche Aussage hat das Bild darüber hinaus usw. Man kann sagen, dass durchschnittlich mindestens 10 Schlagworte zusätzlich zur Caption zu vergeben sind. Das gilt vor allen Dingen für den redaktionellen Bereich.
Bei Bildern aus dem Stockbereich ist die Verschlagwortung wiederum etwas ganz anderes und kann sehr umfassend sein, da diese Bilder auch für Bildkunden aus dem kreativen Bereich zur Verfügung gestellt werden sollen. Werbekunden oder Layouter suchen Bilder anders und nutzen die Bildersprache kreativ. So kann es zu 30 oder mehr Keywords kommen.
Pictorial: Verschlagwortung – oder moderner: Keywording – das klingt dem ersten Anschein nach, nach einer eher langweiligen, monotonen Sklavenarbeit. Warum tut sich jemand das an?
Antje Dankwerth: Ich empfinde meine Tätigkeit als Bilddokumentarin als sehr sinnvoll, vor allen Dingen, wenn man selbst schon in Datenbanken nach Bildern gesucht hat und man lange brauchte, bis das richtige Bild erscheint. Das habe ich zum Anlass genommen, mich selber intensiver mit dem Thema Bildarchivierung und Keywording zu beschäftigen. Außerdem mag ich das Medium Bild, welches jedem Text eine besondere Aussage gibt und wiederum Bilder und eine Art Interkommunikation in unserem Kopf auslöst. Bilder merkt man sich oftmals eher als bloßen Text.
Pictorial: Was sind die Schlüsselqualifikationen, die ein guter „Keyworder“ mitbringen sollte? Oder reicht hier eine mittelmäßige Allgemeinbildung?
Antje Dankwerth: Zunächst einmal ist Allgemeinbildung sehr wichtig und sie sollte unbedingt alle Richtungen abdecken, sei es Industrie, Wirtschaft, Soziales oder Gesundheit. Nachrichten und Zeitung lesen gehören zum täglichen Standard, man muss genau zuhören können und sich merken, welche Begriffe mehr und mehr verwendet werden, um Dinge auszudrücken oder Zusammenhänge herzustellen. Das alles kann man wiederum für die eigene Verschlagwortung verwenden. Immer wichtiger wird auch die Fähigkeit zur Internet-Recherche, um online schnell verifizierte Informationen auffinden zu können.
Aber genauso wichtig ist es, einen Überblick über das Bildagenturgeschäft zu haben, unmittelbar die Veränderungen des Marktes mitzubekommen.
Pictorial: In der Praxis habe ich dagegen den Eindruck, dass in vielen Agenturen oder Bildredaktionen aus Kostengründen mittlerweile gerne Volontäre und Praktikanten mal so zwischendurch an diese Tätigkeit gesetzt werden. Mit mittlerer Begeisterung und keinerlei Branchenerfahrung wird dieser - für den kommerziellen Erfolg des Unternehmens doch immens wichtige - Job dann erledigt. Wieso wird Keywording bei vielen Agenturen immer noch so gering geschätzt?
Antje Dankwerth: Ehrlich gesagt, wüßte ich das auch gern (lächelt). Ich kenne aber auch Agenturen oder Archive, wo studierte Dokumentare oder Historiker diese Tätigkeit machen, die ihr Archiv im Griff haben. Eine kurze Anfrage des Bildkunden und er weiss, wo oder wie das Bild zu finden ist. Diesen Kompetenz-Vorteil verschenkt man natürlich, wenn man zwischendurch Praktikanten im fliegenden Wechsel beschäftigt.
Pictorial: Sie wissen ja, die meisten Bildkäufer waren persönlich niemals in einer Bildagentur! Wie können wir uns Laien das Vorgehen praktisch vorstellen? Sie sitzen vor einem Rechner und haben ein Portfolio von mehreren hundert oder tausend Bildern vor sich. Wie geht es weiter?
Antje Dankwerth: Zunächst einmal schaue ich mir alle Bilder an, eventuell wird auch ein Bildauswahl getroffen, wenn das vom Bildanbieter gewünscht wird. Ich versuche zusammenhängende Motive oder Bilderserien zusammen zu fassen, um sie schneller verschlagworten zu können. Dann ist es wichtig, sich jedes Bild einzeln genau zu analysieren, um festzustellen, worum es geht und ein oder zwei Kategorien festzulegen: Mensch oder Industrie oder Reise…
Ich arbeite mit einer Software und kann anhand meiner Schlagwortliste mit hierarchischer Struktur die entsprechenden Keywords schnell - und fehlerfrei - nach IPTC-Standard hinzufügen.
Pictorial: Keywording ist ja eine klassische Dienstleistung, bei der der Dienstleister immer unter enormem Zeitdruck steht. So wie uns Taxifahrer ja auch nie schnell genug fahren… Wie wird man eigentlich bezahlt? Welche Abrechnungs-Modelle und Sätze sind bei Freien üblich?
Antje Dankwerth: Das ist sehr unterschiedlich und wird für jeden Einzelfall abgesprochen und vertraglich geregelt. Üblich ist eine freiberufliche Tätigkeit, die entweder pro Bild oder per Stunde abgerechnet wird. Je nach Projektdauer und Aufwand variiert der Preis. Es ist ein Unterschied, ob der Kunde nur ein deutsches oder zusätzlich ein englisches Keywording wünscht, ob er nur 100 oder gleich 500 Bilder beschriften lassen möchte.
Pictorial: Bildkäufer murren oft über zu unspezifische Resultate ihrer Suche. „Wir müssen uns durch Fluten falscher Bilder wühlen, weil die Verschlagwortung auf Agenturseite viel zu weit gefasst wird und zu redundanten Ergebnissen führt!“ lautet ein Standardvorwurf. Ist das absichtliche Politik, eine Strategie der Bildanbieter?
Antje Dankwerth: Gern wird natürlich soviel wie möglich an Bildmaterial angeboten, denn nur angezeigte oder gesehene Bilder können auch verkauft werden! Auch früher, als die Bilder noch physisch versendet wurden, war es schon üblich, thematisch verwandte Bildmotive beizulegen, nach dem Motto: „Die könnten für Sie auch interessant sein.“
Allerdings hat der Kunde heutzutage keine Zeit, sich durch eine Bilderflut zu kämpfen: Wenn er eine rothaarige Frau als Porträt haben möchte, sollte er dies auch zur Ansicht bekommen.
Pictorial: Erlauben Sie mir eine persönliche Frage? Wie kamen Sie persönlich in die „Szene“? Wie wird man eigentlich Dienstleister für Verschlagwortung? Es ist ja kein Ausbildungsberuf, wie und wo lernt man das Metier?
Antje Dankwerth: Ich habe eine Schulung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste (FAMI) gemacht. Dort lernt man alle Grundlagen, die man zur Archivierung und Dokumentation braucht. Dadurch kam ich mit unterschiedlichen Mediensparten in Kontakt. Am meisten reizte mich damals ein Praktikum bei ullstein bild. Nach erfolgreichem Abschluss als FAMI habe ich ein Jahr für die Bildagentur images.de in Berlin gearbeitet und mich dann mit adbyword selbstständig gemacht. Seit einem Jahr bin ich projektbezogen als Freiberuflerin tätig.
Pictorial: Sie erwähnten den Einsatz von Software. Mit welchen Programmen arbeiten Sie bevorzugt? Was sind die Stärken, was die Schwächen?
Antje Dankwerth: Ich arbeite mit Fotostation und Apis. Der Vorteil ist, dass man bei Fotostation einen Thesaurus hinterlegen kann und Keywords automatisch gespeichert werden. Außerdem hat man die Möglichkeit mehrere Bilder gleichzeitig zu bearbeiten. Das beschleunigt die Prozesse ungemein.
Pictorial: Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit und in die Zukunft. Alte Bildarchive „lebten“ vom Know How, vom visuellen Gedächtnis, ihrer Bildredakteure, die aus Erfahrung einfach wussten, welche Bilder im Bestand sind und in welchem Schrank, in welcher Schublade und in welcher Tüte sie zu finden sind. Die musste der Rechercheur eben persönlich fragen.
Antje Dankwerth: Das gibt es zwar heute immer noch in einigen Agenturen, beschreibt aber eher ein Phänomen des vor-digitalen Zeitalters.
Pictorial: Ja, die Digitalisierung und ihre Datenbank-Recherche machte dann die Verschlagwortung erforderlich: Bilder mussten in Worte gepresst werden, die über Suchmasken eingetippt werden. Ist das das letzte Wort? Wie geht es weiter? Wird es in absehbarer Zeit Suchstrategien oder Technologien geben, die ohne Keywording auskommen? Können Bilder ganz ohne Worte gefunden werden?
Antje Dankwerth: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Obgleich ich nicht kategorisch ausschließen will, dass so etwas in unserem weit entwickelten technologischen Zeitalter bald möglich sein könnte…
Wie aber soll dann das Bild gesucht werden? Alle Suchmaschinen arbeiten mit Worten oder Algorithmen. Für ein professionelles Bildarchiv mit einer hohen Bildanzahl wird eine Verschlagwortung bzw. Bilddokumentation unumgänglich sein, jedenfalls nach meiner heutigen Sicht.
Pictorial: Zum Schluss noch eine gute Gelegenheit: Was würden Sie sich von der Bilderbranche wünschen?
Antje Dankwerth: Ich würde mir natürlich wünschen, dass mehr professionelle Bilddokumentare gesucht und eingesetzt werden! In einer Jobbörse ist dieser Beruf kaum zu finden.
Außerdem wäre ein gewisser Standard der Bilddokumentation aller Bildarchive oder -agenturen - auch international - wünschenswert. Der Bildsucher muss sich auf jede Datenbank neu einstellen. Es gibt meiner Meinung nach eine zu große Individualität jedes einzelnen Bildanbieters - und keinerlei Standards. Verbindliche Regeln würden die Bildsuche für den Kunden aber deutlich vereinfachen.


[...] adbyword Keywording Service « Blue motion Interview mit Stefan Hartmann vom Pictorial Magazine 16. Juli 2009 Es geht um die berühmten 1000 Worte, die ein Bild aussagen kann und wie Keywording funktioniert. Lest selbst mehr… [...]