Image Market 2021

  • Teil II: Viele Bildauswahlen sind tatsächlich eine Beleidigung

    Nach dem ersten Teil unseres Geprächs mit Prof. Lars Bauernschmitt, das sich ja um Fakten und Zahlen des Bildmarktes 2020 drehte, nun Teil II, der über die Zukunft der Bilderbranche nach dem Ende der Pandemie redet:

    Schafft Corona "neue Tatsachen" oder ist die Pandemie nur einfach ein "Brandbeschleuniger" für Entwicklungen, die sich schon länger abzeichnen? Wir suchen nach Gewinnern der Krise, und wir reden auch über Bild-Ästhetik, über die Art der Bildillustration, die erschreckende Einfallslosigkeit bei der fotografischen Bebilderung der Corona-Thematik.


    Ich weiß ja, Herr Bauernschmitt, eine fundierte und solide Einschätzung ist nicht seriös machbar. Aber wagen Sie dennoch eine Prognose: Wie wird die Bilderbranche der Zukunft aus dieser Situation hervorgehen? Kann sie nach dem Ende der Pandemie einfach weiter machen wie bisher? Oder gibt es irreversible Konsequenzen, die den künftigen Markt - "auf immer" - verändern werden?


    Lars Bauernschmitt: Ich bin mir nicht sicher, ob die kurzfristigen Auswirkungen aus der Corona-Pandemie wirklich messbar sind im Vergleich zu den Veränderungen, die der Strukturwandel seit Jahren mit sich bringt.

    Wir kennen die Umsätze, die Bildagenturen und Fotograf:innen erzielen, und wir wissen, dass es immer mehr Bilder zu immer geringeren Preisen gibt. Dieser Trend hält seit Jahren an. Was wir beobachten ist, dass die Zahl der Agenturneugründungen seit Jahren abnimmt. Die Zahl der BVPA-Mitglieder sinkt, die Zahl der Bildagenturen insgesamt ebenso. Ob die Corona-Pandemie diesen Trend beschleunigt hat, wissen wir erst in zwei oder drei Jahren.

    Was wir aber auch beobachten ist, dass immer noch neue Fotograf:innen in den Markt eintreten, obwohl einige Segmente schon länger nur noch prekäre Arbeitsverhältnisse bieten. Ich gehe davon aus, dass die langfristig stattfindenden Veränderungen sich fortsetzen und die Corona-Pandemie im Vergleich dazu langfristig weniger stark wirkt. Während die Zahl der Fotograf:innen kaum abnehmen wird, verschwinden aber immer mehr Bildagenturen.


    Kaum dass ich es wage, diese Frage zu stellen. Trotzdem: In Zusammenhang mit Covid19 werden naheliegenderweise zuerst die negativen Auswirkungen der Pandemie diskutiert. Trotzdem: Sehen Sie auch positive Aspekte der Pandemie im Kontext der Bilderbranche?

    Lars Bauernschmitt: Finanziell kann ich die nicht erkennen. Da sehe ich nur, dass sich der ohnehin schon starke Druck noch weiter erhöht hat. Wenn es Positives geben könnte, sind das die Dinge, die Menschen in dieser Zeit in vielen Branchen feststellen. Homeoffice funktioniert. Menschen arbeiten auch, wenn kein Chef ständig um sie herumschleicht - und zur Pause gezwungen, denken viele Menschen über ihre Work-Life-Balance nach. Wer es sich finanziell leisten kann, entdeckt vielleicht plötzlich den Wert der Entschleunigung – aber wie gesagt, um eine Zwangspause zur Fortbildung und für die Familie nutzen zu können, muss man schon sehr gut vorgesorgt haben. Wer es sich leisten kann lebt vielleicht in Zukunft bewusster. Für alle anderen hat die Krise aber extreme Auswirkungen, denn eine Boombranche ist der klassische Bildermarkt ja schon lange nicht mehr.


    • Krisen erzeugen Krisengewinner! Gibt es da welche in unserer Branche?

    Lars Bauernschmitt: Ich sehe keine Gewinner. Einige Gruppen haben etwas weniger stark verloren als andere Gruppen, und sicher gibt es erhebliche Unterschiede unter den Fotograf:innen genauso wie unter den Agenturen, sodass einzelne sogar gewonnen haben. Das war aber meiner Ansicht nach kein Ergebnis besonders intelligenter kurzfristiger Reaktion, sondern eher einer glücklichen Geschäftsausrichtung geschuldet, die bereits vor der Pandemie erfolgt ist. Wer als Fotograf:in beispielsweise Architektur und Reise bearbeitet, konnte sich durch Architektur über Wasser halten, während Reise wegbrach. Wer aber Reise- und Eventfotografie macht hatte unter Umständen von heute auf morgen gar keine Aufträge oder Absatzmärkte für Archivmaterial mehr.


    Eine ästhetische Frage zum Abschluss, die mich drückt: Bei meinem morgentlichen "Rundgang" durch die Online-Ausgaben der Zeitungen und Magazine erfasst mich Müdigkeit! Als ob auch die Bildredakteure völlig erschöpft wären, kreativ ausgelaugt. Vakzin-Fläschchen und Spritzen, medizinisches Personal als Masken-Menschen und natürlich jede Menge Virus-Illustrationen in poppigen Farben. Wie sehen Sie als Lehrer für Fotografie und Spezialist in Bildsprache diese visuelle Monotonie?

    Lars Bauernschmitt: Ich kann Ihnen nicht widersprechen. Die Bilder, die viele große deutsche Medienunternehmen - übrigens nicht nur in ihren Online-Auftritten - einsetzen, sind in der Tat absolut langweilig. Viele Bilder haben sowohl in Print- als auch in Onlinemedien eine rein dramaturgische Funktion. Sie sollen genauso funktionieren, wie Piktogramme, die uns in einem öffentlichen Gebäude den Weg zum Ausgang oder zur Toilette weisen. Die Spritze und das Vakzinfläschchen sollen sagen: “Dieser Artikel behandelt das Thema Corona-Impfung.” Wenn wir faltige alte Hände sehen, in denen ein paar Cent-Stücke liegen, wissen wir sofort es geht um Altersarmut.

    Leider dominiert in den deutschen Online-Medien der großen Verlagshäuser die völlige Phantasielosigkeit. Da sehe ich die Schuld aber weniger in den Bildredaktionen, sondern viel mehr in den Chefredaktionen und den Grafikabteilungen, die oft final über eine Bildauswahl entscheiden. Ich finde es absolut unverständlich, wieso renommierte Redaktionen so uninspiriert mit Bildern umgehen. Diese Art Bilder, die Sie beschrieben haben, findet man aber leider nicht nur in den Online- sondern auch in vielen Printmedien.

    • Gäbe es denn fotografische Alternativen?
    Lars Bauernschmitt: Unbedingt! Ich sehe viele spannende Geschichten, die frei produziert werden und von den Autor:innen selbst publiziert werden. Bildredaktionen kennen die Geschichten, können sich aber oft einfach nicht durchsetzen, weil Vorgesetzte der Meinung sind, dass “der Leser das nicht verstehe.”. Die von vielen Verantwortlichen letzten Endes publizierten Bilder kann man nur als aggressiven Akt gegenüber allen visuell nicht vollkommen verblödeten Leser:innen betrachten. Viele Bildauswahlen sind tatsächlich eine Beleidigung. Es wird Zeit, dass die Redaktionen bei der Bildauswahl den Menschen vertrauen, die sich damit auskennen und im Umgang mit Bildern ausgebildet sind.

    Ich weiß, dass viele Bildredakteur:innen genauso leiden wie Sie, denn die Fotograf:innen produzieren weit Besseres als das was oft veröffentlicht wird.

    • Herzlichen Dank für das Gespräch! Gerne bis zum nächsten Jahr, zur Untersuchung 2021.

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