APA-Archivgeschichten: Der Fotograf Hermann Drawe



  • Hermann Drawe (1867-1925) war von Beruf Richter am Bezirksgericht Leopoldstadt und in dieser Funktion mit den sozialen Verhältnissen in Wien, mit Not und Verbrechen konfrontiert.

    Es war eine Zeit radikaler Umbrüche in Österreich, politisch, sozial, künstlerisch. Zur Einordnung: Der 18-jährige Adolf Hitler kam 1907 von Braunau am Inn nach Wien, um dort als Kunstmaler zu scheitern; Sisi, Elisabeth I. von Österreich, ist gerade mal 6 Jahre tot; Sigmund Freud hatte seine Abhandlungen zur Sexualtheorie zum Drucker gebracht; Gustav Klimbt malt immer noch an seinem Bild "Der Kuss". Die Stadt sebst explodierte regelrecht: In den Jahren 1860 bis 1908 wuchs die Einwohnerzahl Wiens um 259% auf fast 2 Millionen. Durch große Bauprojekte wie die Ringstraße, die Donauregulierung oder die Stadtbahn kamen Arbeiter aus allen Teilen der Monarchie in die Hauptstadt. Es entstand eine Klasse besitzloser Arbeiter, die im Elend und in katastrophalen Wohnverhältnissen lebten und sich in Massenquartieren oft das Bett mit mehreren Personen teilen mussten.

    Im Zuge eines Prozesses gegen einen ausbeuterischen Vermieter lernte Hermann Drawe den jungen Journalisten Emil Kläger (1880-1936) kennen. Als Obdachlose verkleidet fanden sie für Reportagen Zugang zu Elendsquartieren und dokumentierten im Sommer 1904 in Sammelkanälen, Praterauen und Ziegelöfen die „Verlorenen der Stadt“, wie Kläger sie nannte.

    Die Reportagen wurden in Zeitungen veröffentlicht und ab 1905 als Lichtbildervortrag unter dem Titel „Durch die Wiener Quartiere des Elends und Verbrechens“ in der Wiener Urania - eine frühe Form einer Volkshochschule - gezeigt. Zu den teilweise handkolorierten Bildern von Drawe wurden Texte von Kläger gelesen. Das Buch mit demselben Titel erschien 1908 und wurde 1919 auch verfilmt.

    Das bürgerliche Publikum betrachtete die Bilder mit Schaudern und der latenten Angst vor dem eigenen Abstieg. Auch wenn die Fotografien Hermann Drawes gelobt wurden, warf man den Texten Emil Klägers Kolportageromantik und Sensationsgier vor, und dass sie bei ihren Streifzügen nicht etwa das Vertrauen ihrer Studienobjekte suchten, sondern sich mit Revolvern bewaffneten.

    Gegner der beiden streuten zudem das Gerücht, die Fotografien Drawes seien zum Teil keine echten Dokumentaraufnahmen vor Ort, sondern mit Komparsen gestellte Szenen, die Authentizität nur vorgaukeln.

    Auch wenn die Aufnahmesituation einzelner Motive heute wohl nicht mehr geklärt werden kann, authenitsch wirken sie allemal.

    Die Bildauswahl - kuratiert von Dr. Gerald Piffl - findet sich unter picturedesk.com/bild-disp/sear…f5-4a55-94c5-570426e277c8

    657 mal gelesen