INTERVIEW Dr. Katrin Bomhoff


  • Berlin: Max Liebermann als Model. Porträtfotografie aus der Sammlung Ullstein
    Elegant im Anzug, die Beine überschlagen, mit Hut, im Profil, mit Dackel Nicki im Wannsee-Garten oder erschöpft rauchend in seinem Atelier am Pariser Platz: Die Fotosammlung des Berliner Ullstein Verlags hält dutzende Porträtaufnahmen des Malers Max Liebermann und seiner Familie bereit.

    Liebermann wurde vielfach und gerne porträtiert, der Mann hatte - neben seiner künstlerischen Prominenz - eben einen herrlichen Charakterkopf!

    So versammelt eine Ausstellung in Max Liebermanns Sommerhaus am Wannsee ein ganzes Panoptikum unterschiedlichster Fotoarbeiten, erstellt von so unterschiedlichen Fotografen wie Yva, Nicola Perscheid, Frieda Riess oder Erich Salomon, welche heute in der Sammlung Ullstein aufbewahrt werden. Sie sind Zeugnisse der vielfältigen Begegnungen Liebermanns mit sechzehn z.T. richtungsweisenden Fotografen, Fotografinnen, Fotoateliers und Fotoagenturen in der Zeit von 1905 bis 1932.

    Zur schnellen Auffrischung des bildungsbürgerlichen Hintergrunds: Max Liebermann (1847–1935) war einer der bedeutendsten Künstler der Moderne. Nach seiner künstlerischen Abkehr von Realismus und Naturalismus, der akademischen Malerei seiner Zeit, zählt er heute neben Max Slevogt und Lovis Corinth zu den prominentesten Vertretern des deutschen Impressionismus.

    Die Ausstellung startet am 25. März - ihr Ende ist der 3. Juli 2023 - in der Liebermann-Villa am Wannsee in Berlin (Colomierstraße 3, 14109 Berlin).

    Wir sprechen mit Dr. Katrin Bomhoff, Senior Manager Asset & Exhibition bei ullstein bild. Sie zeichnet - gemeinsam mit den Kuratorinnen der Liebermann-Villa - für die Ausstellung mitverantwortlich.


    Pictorial: Liebe Frau Dr. Bomhoff, die Malerfürsten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts! Es waren echte Stars! Hofiert von den Mächtigen, auf Augenhöhe mit den Herrschenden. In München, das sich damals selbst ja als "Kunsthauptstadt" feierte, hielten Maler wie der geadelte Franz von Lenbach oder Lovis Corinth regelrecht Hof. König Ludwig ging nach Belieben in ihren Ateliers ein und aus.

    Nahm Max Liebermann in Berlin - etwa gemeinsam mit Max Slevogt - eine ähnliche Position ein? Oder waren die preußischen Wilhelms da nicht kunstsinnig genug?

    Dr. Bomhoff: Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Ausstellung! Die Forschung zu Max Liebermann spricht bei dem genannten Thema „Künstler und Kaiser“ von der Rolle der Opposition, die Liebermann mit dem Bekenntnis zur Berliner Secession einnahm. Bereits vor ihrer Gründung um 1900 lässt sich von einer tiefgreifenden Ablehnung Kaiser Wilhelms II. sprechen, der die Werke Liebermanns als "Rinnstein-Kunst" titulierte: aus seiner Sicht zu alltäglich, zu wenig staatstragend.

    Darüber hinaus war das Liebermann-Haus am Pariser Platz ein Streitpunkt. Wilhelms Versuch, das Gebäude aus dem Familienbesitz zu erwerben und abzureißen, um das Brandenburger Tor stärker zur Geltung zu bringen, scheiterte. Max Liebermanns Replik in erprobter Berliner Gangart ist deutlich und wirklich lesenswert, ich darf zitieren: "Nu will ick Ihnen mal was sagen, Exzellenz: Jehn Se zum Kaiser und sagen Se, der Liebermann hätte gesagt: Der Kaiser wohne uff det Ende von de Linden un der Liebermann wohne uff dies Ende von de Linden, und wie der Kaiser nich uff det Ende von de Linden rausjeht, jeht der Liebermann nich uff dies Ende von de Linden raus."

    Pictorial: Malerei und Fotografie. Von Franz von Lenbach weiß man ja, dass er ein Fließband-Arbeiter war. Um seinen exorbitanten Lebensstil zu finanzieren, produzierte er reihenweise Portrait-Bilder des Adels und des gehobenen Bürgertums. Dabei setzte er gerne das "neue" Medium Fotografie ein. Seine Assistenten suchten die Kunden auf, fotografierten sie in vorteilhafter Pose - und der Meister portraitierte oftmals weitgehend nach den Fotografien.

    Gibt es ähnliche Berichte auch über Liebermann? Sicher, als sehr reicher Industriellen-Erbe musste er nicht am Fließband arbeiten, aber nutzte er Fotografie dennoch als Vorlage für Gemälde und Zeichnungen? Gibt es dazu Erkenntnisse?

    Dr. Bomhoff: Ja, auch Liebermann orientierte sich an Fotografien für seine gemalten Porträts. In den Briefen schreibt er auch von Fotografien seiner Modelle, die hin- und hergeschickt wurden, so dass er seine Porträts weiter ausführen konnte, ohne die Modelle in persona zu beobachten.

    Die Porträtfotografie von Nicola Perscheid, die um die Jahrhundertwende entstand, hielt Max Liebermann für äußerst gelungen und beschrieb sie als "die beste Photographie […] die von mir existiert". In den Jahren danach wiederholte Liebermann gerne diese Pose, auch für gemalte Selbstbildnisse. Das erste stammt aus dem Jahr 1902. Wir wissen von Liebermann auch, dass er sich für seine Selbstbildnisse vor dem Spiegel betrachtete. Dass er dabei seinen Pinsel jedoch in der linken Hand hielt – so wie es das Spiegelbild vorsah – wurde öfter kritisiert. Um dem entgegen zu wirken, verwendete er in der Folge zwei Spiegel, um die Spiegelung der Spiegelung abzubilden und sich damit mit dem Pinsel in der rechten Hand zu zeigen.

    Pictorial: An Max Liebermann fällt auf - deshalb lohnt sich ja auch die von Ihnen vorbereitete Ausstellung - dass er selbst außergewöhnlich häufig "Model" für Fotografen war. Wie kam das? Was sind die Hintergründe? Sagt das etwas über die Rolle der Fotografie?

    Dr. Bomhoff: Sie sprechen zentrale Punkte der Ausstellung an, denn außer der zahlreichen Selbstporträts – Gemälde und Zeichnungen – im Werk Liebermanns, stehen wir dieser großen Reihe fotografischer Porträts gegenüber, allesamt aus der Sammlung Ullstein. Sie stammen von namhaften Fotografinnen und Fotografen, schon zu Lebzeiten erfolgreiche und fortschrittlich denkende Zeitgenossen. So kann man von einer Interessenlage auf allen Seiten sprechen: Pressefotografen und -fotografinnen, die besonders in den 1920er Jahren eine moderne und zukunftsweisende Profession ausübten, weiterentwickelten und mit Max Liebermann sicher einen der interessantesten und berühmtesten Berliner Zeitgenossen porträtierten. Das Verlagshaus Ullstein, das diese Weiterentwicklung der Fotografie parallel zum Aufstieg ihrer Publikationen konsequent förderte und forderte. Und der Künstler Max Liebermann, der wie selbstverständlich den Vorteil seiner Präsenz in den Medien von Anfang an zu schätzen wusste, und sicher auch den Austausch suchte, den Menschen und seiner Zeit zugewandt.

    Pictorial: Können wir also sagen: Es war ein "Deal auf Gegenseitigkeit"? Denn nicht nur der Malerfürst profitierte von der Verbreitung seiner Fotografien, auch den großen Max Liebermann portraitieren zu dürfen, privaten Zugang zu seinen Ateliers und Häusern zu haben, ehrte gleichermaßen die Fotografen. Und: Könnte man das - zugegeben etwas überpointiert - als die ersten Anfänge von "Home-Stories" nennen?

    Dr. Bomhoff: Diese Ehre, auch Stolz auf Seiten der Bildautoren wurden deutlich wahrgenommen, für uns ersichtlich aus einigen Begleittexten. Sie besuchten Max Liebermann im Rahmen von Einzelterminen, im Auftrag von Ullstein und zeitweise auch im Team: Schriftsteller, Redakteure, Illustratoren, Fotografen – die jeweiligen Konstellationen spiegeln die Verlagsarbeit und die Schwerpunkte bei Ullstein. Dennoch etablierte sich die „Home-Story“ bereits früh, auch bei Ullstein, wir schauen auf die Interieurs von Waldemar Titzenthaler, die systematisch ganze Lebenswelten von Schriftstellern, bildenden Künstlern, Schauspielern oder Unternehmern in Berlin vorführen.

    Pictorial: Überhaupt: In welchem Rahmen wurden damals diese Bilder gezeigt und publiziert?

    Dr. Bomhoff: Die Bandbreite der Publikationen, in denen diese Fotografien gezeigt und veröffentlicht wurden ist gewohnt groß, und die Liebermann-Porträts stehen exemplarisch für die Möglichkeiten und Facetten des Verlags. Liebermann war prominent und von Interesse für alle Arten von Publikum. Ein Blatt mit Millionenauflage wie die Berliner Illlustrirte Zeitung kam daher ebenso für die Veröffentlichung in Frage wie die Berliner Morgenpost, die exklusive Dame, der anspruchsvolle Uhu, der innovative Querschnitt oder ein modernes Berliner Blatt wie Tempo.

    Ganz zu schweigen von den mannigfachen Anlässen, die auch davon sprechen, welchen Respekt ein bürgerliches, weltoffenes Verlagshaus Ullstein der Person und dem Impressionisten Max Liebermann entgegenbrachte. Nicht nur zu seinen großen Geburtstagen wurde er gebührend gefeiert, seine Auftritte bei Ausstellungseröffnungen und bei gesellschaftlichen Zusammenkünften waren gefragt, dazu kommen Atelierszenen, wichtige Auftragsarbeiten, familiäre Einblicke. Und ein Ullstein-Kunstkritiker wie Max Osborn zum Beispiel ließ es sich nicht nehmen, weit auszuholen und für seine Betrachtung die Werke Liebermanns in den Museen weltweit zu zitieren.

    Pictorial: Wollen wir noch über die Realisierung der Ausstellung selbst sprechen? Was waren die besonderen Herausforderungen für Sie und die Kuratorinnen der Liebermann-Villa, ein solches Haus mit seinem berühmten Garten am Wannsee zu "bespielen"?

    Dr. Bomhoff: Die großartigen Kolleginnen am Wannsee, Viktoria Krieger und Dr. Lucy Wasensteiner, können auf einen mehrjährigen Erfahrungsschatz zur Ausstellungskonzeption in ihrem Haus zurückgreifen, und die Aufmerksamkeit für diesen einzigartigen Ort ist hoch. Folgerichtig liegt ein Schwerpunkt der im Original gezeigten Exponate bei denjenigen, die das Landhaus gestern wie heute zum Ort der Begegnung machen. Hier lebte und arbeitete die Familie Liebermann, hier gehörten Natur und Kunst zur täglichen Umgebung und Anschauung, hier entstanden Gemälde und Zeichnungen, hier war Liebermanns eigene Kunstsammlung zu sehen, hier fanden verschiedene Zusammenkünfte statt. Es ist eine wirklich dankbare Aufgabe, sich der Liebermann-Villa vor diesem Hintergrund zu nähern und all diese Themen aufzugreifen.

    Pictorial: Für ullstein bild als Agentur ist das Entwickeln und Bestücken von Ausstellungen aus dem historischen Archiv heraus ja ein wichtiges Standbein. Wie ist es bei Axel Springer: Liegen die Bilder samt und sonders digital vor oder mussten bzw. durften Sie sich noch im analogen Archiv-Keller staubig machen? Überhaupt: Mögen Sie Keller?

    Dr. Bomhoff: Keller und andere Aufbewahrungsorte – mit Aussicht auf Neuentdeckungen, ja. Vor allem jedoch bleibt die Arbeit mit den Unikaten entscheidend, zum einen, weil nicht alle Bilder samt und sonders digital vorliegen. Zum anderen, weil mit jedem neuen Ausstellungsvorhaben der Originalbestand auch erneut intensiv befragt und auf die Probe gestellt wird: Was ergibt die Recherche auf der Bilddatenbank von ullstein bild? Welche Hinweise auf weiteres Bildmaterial erschließen sich? Wie sind die genaue Beschaffenheit und der genaue Zustand der Originale? Welche bislang nicht erfassten oder nicht ausgewerteten Informationen bieten die Fotorückseiten? Oder auch: Welche neuen und anderen Möglichkeiten resultieren daraus?

    Pictorial: Sie als Senior Manager Asset & Exhibition sind natürlich eine erfahrene Spezialistin in der Ausstellungskonzeption, trotzdem: Gab es bei der Sichtung des Materials für die Liebermann-Schau auch für Sie noch Überraschungen und Unerwartetes?

    Dr. Bomhoff: Ja, mit jeder Konzentration auf ein Thema, von dem zu vermuten steht, dass es einen Nerv der Sammlung Ullstein trifft, geht eine naheliegende Erwartungshaltung einher, doch die Quantität und Qualität auch im Fall Max Liebermann ist beeindruckend. Die Variationen der Porträtfotografie renommierter Bildautorinnen und Bildautoren sprechen für sich, auch in teilweiser Neuzuordnung und mit Blick auf die Gesamtheit der Urheber, deren Werke gar nicht alle in der Ausstellung gezeigt werden können. Mit den zeitgenössischen Kommentaren der umfangreichen Fotoserie Willi Ruges hatten wir ebenso wenig sicher gerechnet, wie mit der Entstehungsgeschichte mancher Fotografie im Kontext ihrer Ullstein-Publikation.

    Pictorial: Was wird da - im Sinne des materiellen Exponates - in der Villa eigentlich gezeigt? Wie groß darf ich mir die Prints vorstellen? Geht die Ausstellung auch hinaus - open air - in den Garten?

    Dr. Bomhoff: Gezeigt werden in erster Linie die Originalfotografien und auch Originalpublikationen, damit jede Besucherin, jeder Besucher einen sicheren Eindruck von der Entstehungszeit der Exponate bekommt. Sie werden ergänzt durch Reproduktionen, die sich nicht zuletzt mit der Ullstein-Geschichte befassen, um die Zusammenhänge zu veranschaulichen. „Open air“ scheint mir eine der Selbstverständlichkeiten der Liebermann-Villa zu sein: schwer denkbar, ein Besuch ohne einen Gang durch die wunderbaren Gärten, ohne einen langen Blick auf den Wannsee und ohne die Ausstellung auf diese Weise mit hinaus zu nehmen…

    Außerdem gibt es die schöne Tradition der Terrassen-Talks, die bei geeignetem Wetter draußen abgehalten werden. Für dieses Rahmenprogramm freue ich mich sehr über die Vortragenden, die das Gesichtsfeld der Ausstellung in verschiedene Richtungen erweitern und vertiefen werden. Hervorheben möchte ich schon jetzt die Buchautorin Phoebe Kornfeld aus den U.S.A., die am 11. Mai für uns den spannenden Bogen der Geschichte von Berlin nach New York schlagen wird, von Ullstein zu Black Star, von Biografien zu Fotografien sehr unterschiedlicher Epochen.

    Pictorial: Mögen Sie Gedanken-Experimente? Stellen Sie sich bitte vor, Sie wären dazu verdonnert, mich südlichen Provinzler durch die Ausstellung zu führen. Dürften mir aber nur ein Bild zeigen. Welches würden Sie als exemplarisches Werk nehmen? Oder welchen der vielen Fotografen würden Sie mir vorstellen, weil er Ihnen persönlich am Meisten am Herzen liegt?

    Dr. Bomhoff: Ohne zu wissen, ob der geneigte Betrachter (in diesem Fall: Sie) ein Faible für den Künstler Liebermann oder das Familienleben hegt, die jeweilige Presselandschaft oder den Ort am Wannsee – ich würde das aus gutem Grund zum Plakatmotiv erkorene Bild wählen, das Porträt von Yva von 1930. Denn es zeigt nicht nur Liebermann „ganz und gar“, sondern lässt dem Betrachter viel gedanklichen Freiraum. Mag es um die Künstlerpersönlichkeit gehen, ihre Umgebung, die Körpersprache, den Zeitpunkt der Aufnahme oder die fotografische Zielsetzung der Fotografin, das Bild führt uns auf alle Fälle weg von der Fixierung auf die Mimik des Menschen. Und damit kommen nicht viele Porträtfotos zurecht, ohne dass ihre Aussagekraft Federn lässt. Dieses hier jedoch spielend.

    Yva eben.

    Pictorial: Herzlichen Dank für das Gespräch!


    Bilder:
    Nicola Perscheid, undatiert, um 1905
    Freyberg, Blick in die Villa, 1914. Ausschnitt. (nicht in der Austellung gezeigt)
    Suse Byk, vor der Villa, mit Enkelin auf dem Schoß
    Freyberg, Liebermann am Eingang der Villa
    Yva (Else Simon), 1930

    Die Bilder entstammen der ullstein bild Serie ullsteinbild.de/series/17342147

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