"Die Liebe zu den kleinen Dingen": Manfred Kage ist tot

  • Ja. DER Manfred Kage. Wie seine Familie mitteilte, starb er am 9. August 2019.

    Die professionelle Wissenschaftsfotografie im Mikro-Bereich ist untrennbar mit seinem Namen verbunden, er zählt in Europa zu ihren Pionieren. Seit er 1960 sein "Institut für wissenschaftliche Fotografie und Kinematografie" gründete, tastet er sich mit enormem technischem Aufwand in Welten vor, die bislang für die Kamera unerreichbar waren.

    Das alleine wäre Leistung für ein Fotografen-Leben genug. Aber der besondere Reiz der Arbeiten Kages liegt - für mich - in der Reflektion der Rolle der Wissenschaftsfotografie zwischen ihren beiden Polen "Dokumentation und Kunst". Da hat er mit seiner "Science Art" eine völlig neue Dimension aufgestoßen. Und darüber wusste er auch gerne und kenntnisreich zu sprechen. Über Chaos und Ordnung als Element der geistigen Reduktion. "Die Herauslösung aus vielfach chaotischer, komplexer Umgebung ist eine der wichtigsten Methoden der wissenschaftlichen Untersuchungen."

    Schade, wir hatten über so viele Jahre Kontakt zueinander - Briefe, Telefonate, Interviews - aber persönlich getroffen haben wir uns nie. Nie habe ich es geschafft, ihn in seinem fünfhundertjahre alten Schloss Weißenstein auf der Schwäbischen Alb - wo er sein Wissenschftliches Institut und seine Rasterelektronen-Mikroskop-Ausrüstungen hatte - zu besuchen. So bleibt mir nur Bedauern.

    Dürfen wir den Professor zum Abschluss selbst zu Wort kommen lassen? Hier der Ausgang eines Interviews, das wir ziemlich genau vor 10 Jahren führten:
    • Neben Ihrer Technikbegeisterung sagt man Ihnen auch eine gewisse metaphysisch-esoterische Ader nach. Ist das ein Resultat der Beschäftigung mit Dingen, die nahezu unsichtbar und mit dem Auge nicht fassbar sind? Hat die Mikrofotografie hier eine gewissen Nähe zur Quantenphysik? Nennen wir nur Erwin Schrödingers oder Pascal Jordans Hang zur Metaphysik.
    Manfred Kage: Wenn man nicht gerade als strenggläubiger Fundamentalist oder schlicht naiv seine geistige Weltschau auf den einfachen Materialismus reduziert, kann man doch nicht die unglaublichen Sternenwelten eines Hubble-Teleskopes und die Flugvisionen auf der Marsoberfläche ungerührt hinnehmen, ohne sich durch die Analogieentsprechungen von Makrokosmos versus Mikrokosmos - Nanowelten - wie selbstverständlich auf die Tabula smaragdina eines Hermes Trismegistos "Wie oben - so unten" einzulassen.
    • Wenn Sie einen 2.000 Jahre alten Alchemisten – oder war er gar eine alexandrinisch-ägyptische Gottheit? - bemühen, dann wird es wirklich esoterisch!
    Manfred Kage: Nun, wenn man viele hundert Male Magnesiumsulfat aus wässriger Lösung kristallisieren läßt, das unerwartete, vielgestaltige Ergebnis dann mit einem speziellen Polaristionsmikroskop in ständig wechselnden Farben metergroß an die Wand projiziert, entsteht automatisch ein Zustand, in dem man entweder entzückt oder "ver-rückt" die Nähe zur "königlichen Kunst" der Alchemie empfindet. Das hat aber weder mit den äußerst fragwürdigen Machenschaften der Esoterik noch denen der Astrologie etwas zu tun! Immerhin bestehen die wichtigsten festen Planeten unseres Sonnensystems (Mars, Venus und Mond z.B.) und natürlich unsere Erde vornehmlich aus kristalliner Materie, und auch in allen Lebewesen spielen Kristalle eine entscheidende Rolle. Dem Wachstum und der Entstehung dieser Kristalle auf die Spur zu kommen, war und ist eines meiner innersten Anliegen. Dahinter steht der Wunsch, zu erfahren, was die Welt "im Innersten zusammenhält".

    Leider habe ich mich bei einem Interview mit dem STERN dazu hinreißen lassen, auf die Frage, was mich als Mikrofotograf denn so an der Kosmologie und der Astronomie fasziniert, zu antworten, dass schlußendlich in den Adern von uns allen bionisierter "Sternenstaub" fließt, der seit der letzten Supernovaexplosion von ca. 5 Milliarden Jahren zur Entstehung unseres Sonnensystems und damit auch unseres irdischen Heimat-Planeten beigetragen hat.

    Einmal darf man raten, in welche etikettierte Schublade man mich damit verfrachtete. Heutzutage ist eine solche Antwort auch unter Wissenschaftlern selbstverständlich und eine Binsenweisheit!


    Vielen Dank, Manfred Kage, für die Gespräche.

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